Religionsphilosophie : Toleranz und Gewalt: Das Christentum zwischen Bibel und Schwert

Toleranz und Gewalt: Das Christentum zwischen Bibel und Schwert

EUR 24,80


Ein unverzichtbares Werk für alle, die, der Aufklärung verpflichtet, den Diskurs zwischen den Religionen führen wollen - An diesem monumentalen Werk wird in den nächsten Jahrzehnten niemand vorbeigehen können, der sich ernsthaft mit der Geschichte des Christentums befasst. Vor allem in dem seit einigen Jahren doch sehr lebendigen Dialog über die Einschätzung von Religionen, insbesondere der christlichen, hat es seit seinem Erscheinen 2007 vielfältige Diskussionen ausgelöst.Der Münsteraner Religionshistoriker und Priester Arnold Angenendt nimmt die Kritik am Christentum ernst, wie er in seinem Prolog zu dem Werk versichert. Und doch bezieht er sich lieber auf Jürgen Habermas, der vor einigen Jahren vor einem unfairen Ausschluss der Religion aus der Öffentlichkeit gewarnt hat. Habermas möchte die säkularen Gesellschaft nicht abschneiden von der wichtigen Ressource der Sinnstiftung und will im eigenen Haus der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegen wirken.Das opus magnum von Arnold Angenendt ist dazu ein wichtiger, fast unverzichtbarer Beitrag. Er beschreibt ungeschönt und vor allen Dingen ohne apologetischen Impetus die Geschichte des Christentums, mit allen Höhen und Tiefen. Auch die dunklen Kapitel werden nicht ausgelassen, aber anders als die altbekannten Kritiker wie Karlheinz Deschner oder die neuen Atheisten wie Richard Dawkins weist er immer wieder auf die positiven Beiträge der Christentums hin für die Ausbildung von gesellschaftlichen und rechtlichen Instanzen, die wir heute sehr schätzen und gerade dabei sind, gegen die Bedrohung etwas aus dem islamistischen Lager zu verteidigen, mit bislang nur geringem Erfolg, wie der Rezensent meint.Hauptsächlich geht es ihm um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft - notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes schärfer als jedes zweischneidige Schwert..., es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens. Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: Steck dein Schwert in die Scheide, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. (Mt. 26,52) Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums und dem Autor gebührt Dank dafür, mit seinem großen historischen Werk erneut darauf hingewiesen zu haben. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

Nicht apologetisch, und gerade deshalb überzeugend! - Die solide historische Darstellung und Aufarbeitung der vielen Einzelprobleme in der Geschichte der Kirche (z.B. Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, Judentoleranz und -verfolgung) durch Angenendt zeigt teilweise überraschende Ergebnisse. Den erfahrenen und vielfach ausgezeichneten Kirchengeschichtler leitet dabei weniger ein apologetisches Anliegen, dem die historische Wahrheit untergeordnet wäre, sondern vielmehr das Bestreben, die Dinge so darzustellen, wie sie entsprechend dem heutigen Stand der historischen Forschung in intellektueller Redlichkeit präsentiert werden müssen. Eben dadurch überzeugt das Buch und dient der jedenfalls nötigen Versachlichung einer oft in Angriff und Verteidigung polemisierenden Diskussion über Schuld und Unschuld der Kirche bzw. kirchlicher Verantwortungsträger. Fazit: Das Buch ist lehrreich, interessant und ermutigend - und eben darum lesenswert!

Toleranz gegenüber der kirchlichen Geschichte - Ein beeindruckendes Buch - in seiner Gedankenfülle und im Umfang der Quellen. Es wirkt wie das Lebensresümee eines engagierten Gelehrten.Nachdrücklich wird herausgearbeitet, wie die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur Anerkennung der Einzigartigkeit und Wertschätzung jedes Einzelnen führen kann und wie damit der Weg zu individuellen Menschen-Rechten geebnet wurde.Ich bin in innerkirchlichen Erörterungen nicht involviert, aber einige Aussagen zum (nicht zeitgemäßen) Einfluß der kirchlichen Hierarchie, wie auch in der Stellung zum Judentum scheinen mir so bisher nicht formuliert worden. Sicherlich kann ich weitere Spitzen mangels Insiderwissens nicht würdigen.Von Außen betrachtet ist es aber eindeutig ein Weißbuch zum Reinwaschen der (katholischen) Kirche.Vereinfachend und grob zusammengefasst, wird vom Autor folgendes Argumentationsschema zu den einzelnen Sachverhalten und Vorwürfen gewählt:1. Das Problem ist ein allgemein-menschliches (dafür werden ausgewählte antike oder klassische Philosophen zitiert, Lieblingsgewährsmann ist aber Habermas).2. Das (katholischen) Christentum führte zu einer zivilisatorischen Zähmung im Umgang mit diesem Problem (dies ist sicherlich oft richtig, aber kein Alleinstellungsmerkmal der (katholischen) Kirche, sondern eine Leistung jeder Hochkultur).3. Falls es Exzesse gab, dann war die weltliche Macht oder blinder Volkszorn die Ursache und sie erklären sich aus dem Geist der Zeit.4. Die evangelischen haben in ihrem systematischen Eifer alles viel schlimmer gemacht. Deren Auslegung konsequent zu Ende gedacht kann faschistischen oder kommunistischen Verirrungen den Weg bereiten. 5. Der Islam hat die extremste Haltung und ist ein Rückschritt gegenüber der gegenwärtigen Haltung der Kirche.Natürlich wird dieses Vorgehen nicht schematisch in allen Punkten auf jedes einzelne Problem angewandt, auch schreibt der Autor feinsinniger und wesentlich gewundener als die vorstehende Zusammenfassung der Gedankengänge.Als deutlichstes Beispiel für die subtile Geschichtsverdrehung und das Stehlen aus der Verantwortung sei hier das Kapitel über die Erbsünde betrachtet.Zur Erinnerung: Die Erbsünde ist die christliche Lehre von der vererbten und andauernden Sündhaftigkeit und Verderbtheit des Menschengeschlechts wegen des eigenständigen Strebens von Eva und Adam nach Erkenntnis, deswegen muß der Mensch Leiden und Sterben.Für den Autor meint (angeblich) die Erbsünde nur, daß das Ergebnis jedes menschlichen Strebens unvollkommen ist. Ungeachtet mancherlei theologischer Spitzfindigkeiten zur Auslegung der Folgen der Erbsünde in verschiedenen christlichen Richtungen war (und ist mancherortens) die Lehre der Erbsünde das Disziplinierungsmittel der Kirche, die Knute der Macht gegenüber dem armen Sünderlein. Sie dient(e) zur Brechung des selbständigen Willens und zur Unterwerfung unter die Vertreter der jeweiligen geistlichen und weltlichen Obrigkeit. Mit einem Satz gesagt: Sie ist menschenverachtend. Jeder, der das selbständige Denken üben will, lese dazu die verschwurbelte Argumentation des Autors nach obigem Schema. In diesem Sinne ist das Buch zu empfehlen.

Sie predigen Toleranz mit dem Schwert in der Hand - Mehrere Jahre intensiver Arbeit hat der Religionshistoriker mit Priesterweihe Arnoldt Angenendt in sein magnus opum Toleranz und Gewalt - Das Christentum zwischen Bibel und Schwert gesteckt. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Unter Einbeziehung zahlreicher Quellen sowie den Ergebnissen der neuesten Forschung, gelingt dem Autor in weiten Teilen seiner Darstellung eine ausgewogene und unaufgeregte Analyse des Christentums (und auch des Islam sowie des Judentums) zwischen gepredigter Toleranz und täglich praktizierter Gewalt.Das Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt: In Toleranz und Gewalt als menschliche Erstaufgabe betrachtet Angenendt die beiden Phänomene als eine Konstante der Menschheitsgeschichte, die nicht erst durch das Entstehen der Monotheismen in die Welt gekommen seien. In Gottesrechte und Menschenrechte wird das bis heute gespaltene Verhältnis der katholischen Kirche zu den Menschenrechten betrachtet, welches Mitleid zwar für die Armen, aber keine Menschenrechte (129) predigt. Nach der französischen Revolution verurteilte Papst Pius VI. gar die Mißgeburt der Menschenrechte (138), ein Urteil, welches der Heilige Stuhl bis heute nicht revidiert hat. In Europa gibt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur einen Staat, der die Menschenrechtserklärung nicht unterzeichnet hat: den Vatikanstaat. Der Abschnitt Religionstoleranz vs. Religionsgewalt wirft einen Blick auf christliche Denker wie Augustinus oder Thomas von Aquin, die zwar in ihren Schriften immer von der Notwendig zur Toleranz sprechen, im Zweifelfall aber auch Gewalt oder gar die Todesstrafe gegen Andersgläubige unterstützen. Mit einem Berg an Zahlenmaterial analysiert Angenendt das Ausmaß der Inquisition. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, das bei weitem nicht so viele Menschen von der Inquisition zum Tode verurteilt worden sind, wie weithin angenommen. So seien von der spanischen Inquisition in den Jahren zwischen 1540-1700 nur 826 Personen hingerichtet worden (vgl. 282). Dennoch gesteht Angenendt selbstkritisch ein: Zum ersten Mal in der Christentumsgeschichte wurden massenhaft Ketzer hingerichtet. Das geschah zwar nicht willkürlich, sondern nach einer Inquisition, endete aber doch mit Gewalt, und das war, gemessen an altchristlichen Maßstäben, unchristlich (273). In Heiliger Krieg und Heiliger Frieden wird das Prinzip des gerechten bzw. heiligen Krieges im Christentum sowie im Islam unter die Lupe genommen. Im Zentrum stehen hierbei die Kreuzzüge mit ihren teilweise genozidalen Gewaltexzessen und die Eroberungszüge des Islam, die 1683 vor Wien ihr Ende fanden. Deutlich wird das imperiale Gebaren der beiden Religionen dargelegt und er Widerspruch zwischen toleranter Theorie und brutaler Praxis herausgearbeitet. Abschließend wird das Verhältnis zwischen Christen und Juden dargelegt.Für einen Christen ist das Maß an Selbstkritik durchaus überraschend. Angenedts abwägende Haltung kommt auch in seiner These zum Ausdruck: Die dem Monotheismus entsprechende Religionsform hat ihre besonderen, ja einmaligen Möglichkeiten für Menschenwürde und Toleranz, freilich auch [...] ihre abgründigen Terrormöglichkeiten. Die tatsächlich abgelaufene Geschichte spiegelt alle Möglichkeiten (90). Diesen Satz sollte man religiösen Fundamentalisten jedweder Colour ins Bewusstsein hämmern: Die heiligen Bücher enthalten keine Wahrheiten, sondern stellen lediglich eine Projektionsfläche dar, die sowohl toleranten als auch sadistischen Menschen eine Möglichkeit bietet, ihre Wünsche und Bedürfnisse wieder gespiegelt zu sehen.Fazit: Fundierte Gesamtdarstellung mit einigen kleinen Schönheitsfehlern. Manchmal verliert sich Angenendt in seinem Zahlenmaterial, welches einfach nicht stimmen kann. Hier ein Beispiel: [...] werden es hundert Jahre später, nämlich 2020, knapp 86 Prozent Über-60-Jährige und gerade noch 17 Prozent Unter-20-Jährige sein (186). Dass 2020 insgesamt 103 Prozent über 60 bzw. unter 20 Jahre alt sein werden, ist natürlich Blödsinn. Dennoch mindern diese gelegentlichen Fehler nicht den positiven Gesamteindruck.

Vorurteile werden beseitigt - Es gibt Bücher, die sind wichtig, weil sie zum Teil jahrhundertealte Vorurteile, die auch heute noch liebevoll gepflegt werden, beseitigen. Dazu gehört Angenendts Toleranz und Gewalt. Wer eine umfassende historische Abhandlung über die Verbrechen der katholischen Kirche sucht, der hat sie mit diesem Werk gefunden. Aber Vorsicht! Die Geschichte lehrt andere Tatsachen, als die mediale Meinung in den vergangenen Jahrzehnten. Die Kirche ist weder eine Verbrecherorganisation, noch eine Sex- und lustfeindliche Einrichtung, die nur die Gängelung der Gläubigen (und Un- oder Andersgläubigen) im Schilde führte und führt.Beispiele gefällig? Die Inquisition. Millionen von Tote gingen hier auf das Konto der Kirche, heißt es auch heute noch. Die historischen Zahlen sprechen eine andere Sprache. Von 10 220 Toten geht die Encyclopedia Britannica aus, der französische Larousse von 80 000, der Dicionario encyclopedico hispano-americano sogar von 105 304 Opfern allein für die spanische Inquisition. Letztlich sind zwischen 1540 und 1700 rund 6000 Menschen der spanischen Inquisition zum Opfer gefallen. Bei der römischen Inquisition, auf die der Papst direkten Einfluss hatte, fallen die Zahlen noch deutlich geringer aus. Zwischen 1551 und 1800 wurden genau 97 (!) Menschen durch die Inquisition hingerichtet.Auch die Vorreiterrolle der katholischen Kirche bei der so genannten Hexenverfolgung lässt sich nicht nachweisen. Hier waren vor allem die staatlichen Institutionen bemüht, unschuldige Frauen zu verbrennen. Die massenhaften Prozesse während des Höhepunkts der west- und mitteleuropäischen Hexenverfolgungen im Zeitraum zwischen 1560 und 1700 mit ihren hohen Hinrichtungsraten waren das Werk weltlicher Richter, zitiert Angenendt den Katalog der Berliner Hexenausstellung von 2002. In den katholisch-europäischen Ländern Irland, Portugal, Spanien und dem Kirchenstaat gab es so gut wie keine Hexenverbrennungen. Angenendt geht von rund 50000 Opfern aus, der überwiegende Teil ohne Einflussnahme der katholischen Kirche. Zum Vergleich: Die französische Revolution forderte zwischen 1789 und 1794 etwa die gleiche Anzahl von Toten.Angenendts Werk ist wichtig und sollte vor allem von Geschichtsklitterern wie Deschner oder Drewermann gelesen werden.




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